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Steine gegen das Vergessen

Aus dem Archiv: Mitteilung vom 08.05.2013

Kempens Judenfriedhof ist Relikt einer der ältesten jüdischen Gemeinden im Rheinland. Hier wurde jetzt der dritte Gedenkstein für Opfer des Holocaust errichtet.

99 Grabsteine umfasst Kempens Judenfriedhof in Kamperlings. Der älteste stammt aus dem Jahre 1845, den jüngsten hat man gerade erst aufgestellt. Er gilt zwei Holocaust-Opfern aus St. Hubert: Wilhelmine Mendel, genannt Minchen, geboren am 15. August 189, mit Gas erstickt am 31. März 1942 in einem Wald bei Riga. Und ihrem Bruder Siegfried, geboren am 17. Januar 1907, umgebracht zu einem unbekannten Zeitpunkt 1942 in Auschwitz.

Zwei Namen von neun, die in den Jahren nach dem Ende der Nazi-Herrschaft hinzu gekommen sind zur Gemeinschaft der jüdischen Bürger, deren Andenken die Stadt Kempen hier erhält. Fünf davon sind dem Holocaust zum Opfer gefallen. Zwei - Emmi und Kurt Mendel - haben überlebt und wurden später auf diesem Friedhof bei ihren Verwandten beigesetzt.

Dies ist Kempens zweiter Judenfriedhof. Wo der erste gelegen hat, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass es in Kempen im Mittelalter schon einmal eine Judengemeinde gegeben hat, die auch einen Friedhof gehabt haben muss. Ihr wurde übel mitgespielt: Im Sommer 1288 erlitt sie ein Pogrom, bei dem zwölf erwachsene Juden und mehrere Kinder umkamen, mindestens einer auf dem Scheiterhaufen. Es ist anzunehmen, dass die als Hinrichtung deklarierten Ermordungen auf dem Gerichtsplatz vor der heutigen Burg stattfanden. Wenig später erhielt das aufstrebende Kempen die Stadtrechte. Bald siedelten sich wieder Juden an. Da ihnen seit 1215 das Arbeiten in Handwerk, Gewerbe und in der Landwirtschaft verboten war, da andererseits die Christen kein Geld gegen Zinsen ausleihen durften, wurde ihnen das Kreditgeschäft zur Nische. Aber erneut kam es zu Anfeindungen, vor allem, weil man den Nicht-Christen die Schuld an der Pestepidemie in 1349/50 zuschob. 1385 ist zum letzten Mal ein Jude in Kempen erwähnt, und zurück blieb nur der Name der „Judenstraße“, wo sie bis dahin ihre Geldgeschäfte betrieben.

Erst nachdem 1794 die Truppen der französischen Revolution den linken Niederrhein besetzt und „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ propagiert haben, lassen sich wieder Juden in der Stadt nieder. 1806 leben bereits 32 von ihnen im Ort; drei Jahre später legen sie den heutigen Friedhof in Kamperlings an. Das Ende dieser zweiten Gemeinde bringt der Naziterror. Am 10. November 1938 wird die 1849 erbaute Synagoge an der Umstraße geplündert und angezündet. Wer bis dahin die Hürden der Emigration nicht bewältigt hat, den schaffen die Deportationen vom 11. Dezember 1941 und vom 25. Juli 1942 in die Vernichtung. Die Habseligkeiten der Weggebrachten werden in der Turnhalle der Mädchenoberschule gegenüber der Burg öffentlich versteigert.

Zeitzeugen und Dokumente belegen, dass spätestens im Januar 1943 in der Kempener Bevölkerung offen von der „Ausrottung der Juden“ gesprochen wurde. Das ist mittlerweile Geschichte. Um die Erinnerung an sie wach zu halten, haben jüdische Familien auf dem von der Stadt Kempen beispielhaft restaurierten Friedhof Gedenksteine für ihre ermordeten Verwandten errichtet. Ruth Baum, heute wohnhaft in Krefeld, ist die Tochter des St. Huberter Viehhändlers Max Mendel, der am 16. April 1943 in der Gaskammer von Auschwitz ermordet wurde. Als 1995 die Mutter starb, reifte in ihr der Entschluss, auch dem Vater eine Gedenk-Inschrift zu setzen – auf der Rückseite des Steins, den 1943 die Mutter für ihren tödlich verunglückten Sohn Herbert hatte anfertigen lassen. In einer Feierstunde, bei der der Krefelder Rabbiner Ytzchak Mendel Wagner sprach und die Dr. Herbert Holtemeyer aus Krefeld mit seinem Saxophon-Spiel würdig umrahmte, setzte sie jetzt mit ihrer Familie den zweiten Gedenkstein - für die Geschwister ihres Vaters Wilhelmine und Siegfried Mendel. Damit deren Verfolgung nicht vergessen wird. 

Opferzahlen

Von den 75 jüdischen Bürgern, die zwischen der „Machtergreifung“ der Nazis 1933 und der letzten Deportation (1943) in Alt-Kempen und St. Hubert lebten, wurden 36 ermordet.

Zwei Schicksale

Siegfried Mendel hatte den Viehhandel seines Vaters Alex übernommen. Er emigrierte zunächst zu Bekannten in Belgien und weiter nach Südfrankreich, wo man ihn nach der Besetzung durch die Wehrmacht verhaftete. Am 7. September 1942 wurde er mit anderen auf den Weg nach Auschwitz gebracht. Wilhelmine (Minchen) Mendel wurde am 10. Dezember 1941 aus ihrem Haus Hauptstraße 39 in St. Hubert zur Deportation nach Riga geholt. 

Von Dr. Hans Kaiser

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