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Schotter- und Betonwüste statt Vorgarten

Mitteilung vom 07.08.2019

Moden machen vor dem Bauen nicht halt. Jede Generation hat andere Vorstellungen vom Eigenheim, der äußeren Gestalt, dem Haustyp, Farben und Materialien, Innenraumgestaltung – und der Gestaltung des Grundstücks. Vor allem am letzten Punkt lässt sich eine deutlich veränderte Einstellung zum Bauen feststellen.

Jahrzehnte lang war es in den Eigenheimsiedlungen am Stadtrand selbstverständlich, dass die Fläche vor dem Haus als begrünter Puffer zwischen Straße und Haus angelegt wurde – von daher ja auch der Begriff „Vorgarten“ für diese Flächen. Wenn jemand aus den dicht bebauten Stadtkernen in ein Neubaugebiet umzog, verband sich damit regelmäßig auch der Wunsch nach einem „Wohnen im Grünen“. Diesen Eindruck vermittelten die Baugebiete dann auch. Die grünen Vorzonen verleihen den Baugebieten einen wohnlichen und freundlichen Charakter.

Versiegelter Vorgarten © Stadt Kempen

Die damit verbundene hohe Qualität der Wohngebiete geht heute zusehends verloren. Geht man heute durch die Neubaugebiete wird sofort augenfällig, dass sich die Vorstellungen vom Wohnen im Eigenheim grundlegend gewandelt haben. Das Eigenheim ist nicht mehr die grundsätzliche Alternative zum Wohnen im Stadtkern bzw. in der Eigentumswohnung. Das Eigenheim soll vor allem mehr Platz bieten zur Entfaltung des individuellen Lebensstils. Die Gestaltung des Grundstücks erfolgt unter funktionalen Gesichtspunkten, so wie sie für die unterschiedlichen Ansprüche benötigt werden. Alles, was nicht dem unmittelbaren Bedarf entspricht, ist Ballast, verursacht Arbeit und beansprucht Zeit, die kaum noch jemand hat.

Dem neuen Lebensstil fallen die „Vorgärten“ weitgehend zum Opfer. Aus ihnen werden (vermeintlich) pflegeleichte Flächen, gepflastert oder mit Schotter/Kies auf Folien. Soweit sie nicht gärtnerisch gestaltet sind, dienen sie als Stellplatz fürs Auto, für Fahrräder oder Mülltonnen.

Vorgarten mit Schotterflächen © Stadt Kempen

Es sind extreme Beispiele für die inzwischen weit verbreitete Gestaltung der Flächen vor dem Haus. Ob Pflaster oder Schotter macht keinen großen Unterschied, und es gibt beides in vielen Variationen. Der Trend ist eindeutig: grüne Vorgärten sind einfach „Out“. Das hat zunächst einmal gravierende Folgen für das Straßen- und Siedlungsbild, d. h. für die Qualität des Wohngebietes.

Die Bilder machen deutlich, welch starken Einfluss die Vorgartengestaltung auf die Qualität des Straßenraums ausübt. Die Stein- und Betonwüsten vor den Häusern haben aber nicht nur stadtgestalterisch negative Auswirkungen; es sind damit auch gravierende ökologische Konsequenzen verbunden.

  • Stadtklima: reduzierte Aufheizung der Straßenräume, weil Grünflächen sich nicht so stark erwärmen, die Hitze nicht reflektieren, weil Bäume und Sträucher Schatten spenden; darüber hinaus Luftverbesserung durch Feinstaubbindung
  • Grundwasserschutz: Regenwasser fließt ab statt zu versickern; Beitrag zur GW-Neubildung
  • Hochwasserschutz: durch Versickerung Reduzierung der Abflussmengen, dadurch Vorsorge gegen Überflutungen
  • Artenschutz: Erhalt der Artenvielfalt insbesondere der Insekten

Die von allen gewünschte hohe Qualität unserer Wohngebiete ist nicht zum Nulltarif zu haben. Dafür muss etwas getan werden, und zwar von allen Beteiligten. Die Eigentümer sind hier besonders in der Pflicht, denn: Eigentum verpflichtet!

Es ist nicht das gleiche, ob man in einer Miet- oder Eigentumswohnung wohnt, oder in einem Eigenheim. Mit einem Eigenheim erwirbt man eben nicht nur neue Wohn- und Nutzungsmöglichkeiten, sondern auch neue Pflichten – für das Baugebiet, die Nachbarschaft und das Straßenbild. Wer zu solch einem Engagement nicht bereit ist, sollte sich kein Eigenheim zulegen.

Man sollte aber auch nicht die positiven Aspekte der (Vor-) Gartenarbeit aus dem Auge verlieren. Es ist ein Engagement nicht nur für ein attraktives und angenehmes Wohnumfeld und der persönliche Beitrag zum Umweltschutz; es fördert auch Kontakte mit den Nachbarn und stärkt die Identifikation mit dem Baugebiet und der Stadt. Und schließlich ist der ständige Einsatz rund ums Haus auch noch der Gesundheit förderlich, physisch wie psychisch.

Es muss ja nicht der „optimale Vorgarten“ sein, auch Rasen ist besser als eine Versiegelung. Eine Bepflanzung mit   Bodendeckern ist eine Möglichkeit, den Arbeitsaufwand gering zu halten. Über weitere Möglichkeiten berät das Grünflächenamt gern.

Zuletzt noch ein Hinweis für all jene, denen es vor allem um den reduzierten Pflegeaufwand geht: Es ist keineswegs so, dass der versiegelte Vorgarten keinen Pflegeaufwand mit sich bringt.

Im Laufe der Zeit sammelt sich zwischen den Steinen organisches Material an, auf denen erste Wildkräuter keimen. Algen. Moose und Flechten siedeln sich an. Blätter verfangen sich, welken und machen den Steingarten unansehnlich. Ein Reinigen der Flächen ist besonders aufwändig. In der Folge finden Herbizide vermehrt Einsatz. Das kann niemand wollen.

Ähnliches gilt für gepflasterte Flächen. Auch sie sind nur eine Zeit lang schön und pflegeleicht. Doch schon bald geht es nur noch mit Hochdruckreiniger und/oder auch hier wieder mit „Unkraut“-Vernichter.

Auf Grund der geschilderten stadtgestalterischen und ökologischen Aspekte ist es dem Gesetzgeber nicht egal, wie die Grundstücke gestaltet werden.

So schreibt etwa die Landesbauordnung (§ 9 BauO NRW) vor, dass die nicht überbauten Flächen der Baugrundstücke grundsätzlich „wasseraufnahmefähig zu belassen oder herzustellen, zu begrünen, zu bepflanzen und so zu unterhalten“ sind. Auch dem Bundesgesetzgeber ist es mit den Vorschriften in der Baunutzungsverordnung (z. B. § 19 BauNVO) ein Anliegen, einen großen Teil des Grundstücks unversiegelt zu belassen.

Diese Vorgaben werden in Kempen seit geraumer Zeit durch entsprechende Vorschriften in den Bebauungsplänen und Gestaltungssatzungen aufgegriffen. Käufer/innen von städtischen Grundstücken werden darüber informiert. Später werden sie Bestandteil der Baugenehmigung bzw. werden dieser als Anlage beigefügt. Es ist deshalb nicht nachvollziehbar, dass so häufig gegen diese Vorgaben verstoßen wird. Unwissenheit kann es eigentlich nicht sein.

Der Stadt Kempen ist es wichtig, qualitätsvolle Baugebiete zu entwickeln, in denen sich die Bewohner/innen wohl fühlen. Das wird mit entsprechend anspruchsvollen Konzepten erreicht, aber eben auch durch Erlass von Vorschriften, die die angestrebte Qualität sichern sollen. Die Versiegelung der Vorgärten wird in unseren Baugebieten nicht hingenommen.

Bepflanzter Vorgarten, so wie es sein sollte © Stadt Kempen

Verstöße gegen die entsprechenden Vorschriften  werden aufgegriffen und geahndet. Das haben bereits viele Bewohner unserer Wohngebiete erfahren. Eine Fülle ordnungsbehördlicher Verfahren wurde eingeleitet; mit jedem Bauabschnitt werden es leider mehr. In jedem dieser Verfahren geht es darum, den Grad der Versiegelung zu reduzieren. Das ist dann oft nur noch mit hohen Kosten zu erreichen, so dass am Ende fast immer ein (fauler) Kompromiss steht. Deshalb gilt für alle Bauherren die dringende Empfehlung, sich vor Beginn der Arbeiten beim Bauamt noch einmal zu vergewissern, dass das Geplante auch zulässig ist. Eine individuelle Gestaltung der Vorgärten bleibt immer möglich.

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